FASANENSTRASSE 26
10719 BERLIN
68 Projects
FASANENSTRASSE 26, 10719 BERLIN
Tammam Azzam
Opening: Fri, Sept 14, 6-9pm
Duration: Sept 14 – Oct 20, 2018
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Galerie Kornfeld präsentiert Tammam Azzam

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Galerie Kornfeld freut sich sehr, erstmals Werke des syrischen Künstlers Tammam Azzam zu präsentieren. Ausgestellt werden neue Collagen aus bis zu 50.000 Papierschnipseln und Gemälde.

Tammam Azzam machte erstmals 2013 auf sich aufmerksam, als er sein Atelier in Syrien aufgeben musste und in seiner neuen Heimat Dubai begann, digitale Fotomontagen anzufertigen. Diese setzten sich direkt mit dem Krieg in seinem Heimatland auseinander. Eine dieser Arbeiten zeigt ein bombardiertes syrisches Gebäude, das mit einer Abbildung von Gustav Klimts „Der Kuss“ überlagert ist. Das Werk verbreitete sich kurz nach seiner Veröffentlichung viral in den sozialen Medien und zählt zu den bekannteste Motiven des Künstlers.

Ausgehend von diesen Werken fand Tammam Azzam auf einer neuen Ebene zurück zur Malerei. Mit „Storeys“ (= Stockwerke), einer Reihe monumentaler Acrylgemälde, die das Ausmaß der Verwüstung in Syrien anhand expressionistischer Kompositionen zerstörter Stadtlandschaften zeigen, hielt der Künstler den gegenwärtigen Zustand des Landes mittels einer kathartischen Rekonstruktionsübung fest, Stockwerk um Stockwerk.

In der Folge entwickelte sich sein malerisches Schaffen in Richtung dreidimensionales Objekt: neben die Acrylgemälde sind Objekte aus Eisen getreten, die ebenso als Bild wie als Skulptur gelesen werden können, sowie großformatige Papiercollagen in einer von Tammam Azzam entwickelten Technik, die Malerei und Collage auf eine neue Weise verbindet: bis zu 50.000 kleine und kleinste Schnipsel von Hand bemalter Papiere werden in mehreren Lagen zu visuell beeindruckenden, großformatigen Kompositionen angeordnet. Aus der Ferne wirken diese Werke wie Gemälde. Von Nahem aber zeigt sich einerseits eine Verwandtschaft mit dem Mosaik – eine Vielzahl kleiner, farbiger Teilchen verbindet sich zu einem großen Bild. Vor allem aber wird die Dreidimensionalität und damit die Objekthaftigkeit dieser Werke deutlich: die taktilen Wechselwirkungen von Oberfläche und Form verleihen dem Medium Malerei tatsächlich eine neue Dimension. Die meisten dieser Papiercollagen werden auf Leinwand aufgezogen. Bei den Werken, die nicht auf Leinwand aufgezogen, sondern als dreidimensionales Objekt im Raum präsentiert werden, erscheinen die Zerbrechlichkeit des collagierten Papiers ebenso wie die Zartheit der Rückseite, die ein ganz anderes Bild zeigt als die Vorderseite, noch einmal gesteigert und intensiviert.

Die Spannung, die sich aus der Gegenüberstellung der zugleich malerischen wie objekthaft-körperlichen Papiercollagen, dem physischen Umgang mit der Acrylfarbe und der dichten architektonischen Abstraktion ergibt, erweckt den Eindruck, als würde man einen Ort des beklemmenden Chaos betrachten. Der Kunstkritiker Ralf Hanselle bemerkt: „Letztlich ist es diese Technik der Neuaneignung und der Dekontextualisierung, der Zertrümmerung und der Neuverfugung, die sich ... durch nahezu das gesamte Werk Tammam Azzams hindurchzieht. In immer neuen Medien erprobt der 38-jährige Syrer heute eine Wirklichkeit, die aus dem Lot geraten ist.“ Der Vergleich mit den Dadaisten, die vor gut 100 Jahren das Mittel der Collage intensiv für ihre Auseinandersetzung mit den Schrecken des Ersten Weltkriegs nutzten, liegt auf der Hand, auch wenn Tammam Azzams Werke eher „durch den Gegensatz von ästhetischer Attraktion und unmittelbarem Schrecken“ bestechen, so der Schweizer Kurator Heinz Stahlhut, denn „die Schichtungen seiner Collagen geben realistisch die aufgebrochenen Oberflächen der zerbombten Architekturen wieder, sind aber zugleich sensibelste Malerei.“

Tammam Azzams Werke gehen auf Fotografien zumeist zerstörter Architekturen und Städte zurück, die frei in bildhafte und doch abstrakt wirkende Kompositionen überführt werden. Dabei geht es dem Künstler nicht ausschließlich um Syrien. Die visuellen Hinweise, anhand derer man die Orte erkennen könnte, die dem Künstler als Vorbild dienten, werden so weit abstrahiert, dass sie ihre Individualität zugunsten einer Allgemeingültigkeit verlieren, die über das Objekt und damit auch über das Ereignis hinausweist, das dem Bild zugrunde liegt. Die Werke von Tammam Azzam erzählen so immer auch von den Wunden und den Zerstörungen jeder kriegerischen Auseinandersetzung, zeitgenössischer ebenso wie historischer.

Dank der visuellen Kraft seiner Abstraktionen entsteht ein Identifikationsraum für jene, die die Katastrophe eines Krieges nicht am eigenen Leib erfahren haben: eine Art singuläre Allgemeinheit, die einerseits direkt mit Syrien verbunden ist, andererseits aber auch eine Erfahrung des geteilten globalen Schreckens zum Ausdruck bringt. Azzam selbst beschreibt den Entstehungsprozess seiner Arbeit als körperlich und emotional. Trotz seiner Überzeugung, dass „Kugeln zur Zeit mächtiger sind als Kunst“, glaubt er, dass Kunst dabei helfen kann, die Zukunft aufzubauen: „Es entspricht Tammam Azzams Hoffnung auf die aufbauende Kraft der Kunst, dass er sich nicht auf die kritischen Ausprägungen der Collage bezieht, sondern auf die konstruktiven der Synthese“, bemerkt auch Heinz Stahlhut.

Tammam Azzam hat einen Abschluss in Malerei der Universität von Damaskus. Nach einem ersten Kennenlernen 2001 war er dem aus Syrien stammenden Berliner Künstler Marwan Kassab-Bashi bis zu dessen Tod im Jahr 2016 eng verbunden. Tammam Azzam ist seit 2016 Fellow des Hanse- Wissenschaftskollegs, Institute for Advanced Study, in Delmenhorst, seit 2018 lebt er in Berlin. Seine Werke sind auf Ausstellungen sowohl im Arabischen Raum als auch international zu sehen, u.a. in der Ayyam Gallery in Dubai, auf der Art Dubai, auf der Untitled in Miami und in der Haines Gallery in San Francisco, die ihn auch sehr erfolgreich der Armory Show 2018 präsentierten. Namhafte Institutionen wie beispielsweise die Barjeel Art Foundation in Sharjah, die Atassi Foundation oder die For Site Foundation in San Francisco, für die er eigene Projekte erarbeitet hat, zeigen und sind im Besitz seiner Werke.

Begleitend zu Ausstellung erscheint eine Katalogbroschüre, ca. 56 Seiten, mit Texten des Kunstkritikers Ralf Hanselle und des Kurators Heinz Stahlhut sowie farbigen Abbildungen aller Werke.

Sprechen Sie uns gerne an, wenn Sie ein Interview mit dem Künstler führen möchten. Druckfähiges Bildmaterial oder weitere Abbildungen senden wir Ihnen auf Anfrage gerne zu.

Für Fragen oder weitere Informationen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,
Tilman Treusch

Kontakt:
Dr. Tilman Treusch
treusch@galeriekornfeld.com

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Press Release

Dear All,

Galerie Kornfeld is delighted to present, for the first time, works by Syrian artist Tammam Azzam. On display are new collages made from up to 50.000 pieces of paper shreds and paintings.

Tammam Azzam first gained attention in 2013 when he was forced to leave his studio in Syria and began making digital photomontages in his new home in Dubai. These works take an unromantic look at the conflict within art making in the face of war and violence, directly addressing the on-going conflict in his home country. One of these works shows an image of Gustav Klimt’s “The Kiss” superimposed on a bombed Syrian building . This work went viral on Social Media, and even today is among the most well known works of the artist.

Following these experiences, Tammam Azzam found his way back to painting, but in a different register. With “Storeys”, a series of monumental acrylic paintings depicting the magnitude of devastation in his home country through expressionist compositions of destroyed cityscapes, the artist chronicles the current state of his country in a cathartic exercise of reconstruction, storey by storey.

His painterly work subsequently evolved towards three-dimensional objects: in addition to acrylic paintings, the series “Iron Laundry” features both pictorial and sculptural objects made of iron, as well as large-format paper collages created with a technique developed by the artist himself, combining painting and collage in a novel way. In his large-scale paper collages, the artist works with up to 50.000 shreds of hand-painted paper, arranged in several layers, creating visually impressive compositions. From afar, these works look like paintings. From up close, however, they reveal an affinity with mosaics – a multitude of small, coloured particles combine to form a large image –, making apparent the three-dimensionality and thus the object- like nature of these works. Through the tactile interactions of surface and form, they add a new dimension to the medium of painting. Mostly these paper collages are mounted on canvas. In those works that are not mounted on a canvas but are shown as a three dimensional object in space, the fragility of the paper as well as the tenderness of the back of the work, showing a completely different image than its front, is heightened and intensified.

The tension arising from the juxtaposition of paper collages – both painterly and object-like/corporeal –, the physical use of acrylic paint and the dense architectural abstraction creates the impression of looking at a place of oppressive chaos. Art critic Ralf Hanselle remarks: “Ultimately, it is this technique of reappropriation and decontextualization, of disintegration and reinfatuation, which ... permeates almost the entire repertory of Tammam Azzam. Along the waves of the ever-new media, the 38-year-old Syrian is today testing a reality that has been thrust into turmoil.” The comparison with the Dadaists, who used the means of collage intensely over 100 years ago to deal with the horrors of the First World War, is obvious, even if Tammam Azzams works rather captivate “the contrast of aesthetic attraction and immediate terror”, as Swiss curator Heinz Stahlhut mentions, as “the layering of his collages realistically reproduces the broken surfaces of the bombed-out architecture, but at the same time, however, they are indicative of a most sensitive style of painting.”

Tammam Azzam's works are based on photos of mostly destroyed architectures and cities, freely transformed into pictorial compositions that often seem abstract. Although the motifs can often be precisely located, the transformation goes beyond the object and beyond the event the picture is based on. The visual clues that are used to identify the places that served the artist as a model are abstracted to such an extent that their individuality is replaced by a form of universality: Tammam Azzam’s pictures thus always tell of the wounds and the destruction of every warlike conflict, both contemporary and historical.

Due to the visual power of his abstractions, a space for identification is created for those who have not experienced the catastrophes of war first-hand: a kind of singular universality, which is directly linked to Syria, but at the same time expresses an experience of shared global horror. Azzam himself describes the creative process behind his works as physical and emotional. Despite his belief that “bullets are currently more powerful than art”, he is convinced that art can help rebuild the future, or, as Heinz Stahlhut remarks: “Corresponding to Tammam Azzam's hope for the constructive power of art, he does not make reference to the critical aspects of collage. Instead, he places his focus upon the constructive nature of the synthesis.”

Azzam holds a degree in painting from the University of Damascus. After getting acquainted for the first time in 2001, he was closely associated with Syrian-born Berlin artist Marwan Kassab-Bashi until the latter’s death in 2016. Since 2016 Tammam Azzam is a fellow at the Hanse-Wissenschaftskolleg, Institute for Advanced Studies, in Delmenhorst, Germany. Recently the artist moved with his family to Berlin.

Tammam Azzam’s works have been shown in exhibitions in the Middle East, Europe and the US, e.g. at Ayyam Gallery in Dubai, at Art Dubai and Untitled Miami as well as at Haines Gallery San Francisco, which also presented him successfully at the Armory Show in New York in 2018. His works can be found in renowned institutions such as the Barjeel Art Foundation in Sharjah, the Atassi Foundation or the For Site Foundation in San Francisco, for which he has worked on his own projects.

The exhibition will be accompanied by a catalogue with essays by art critic Ralf Hanselle and curator Heinz Stahlhut; texts in English and German, ca. 56 pages, color images of all works exhibited.

Should you require further information, or wish to interview the artist, please do not hesitate to get in touch. We are happy to provide printable images on request.

Best regards,
Tilman Treusch

Contact:
Dr. Tilman Treusch
treusch@galeriekornfeld.com

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